Laudatio für Journalistin Dr. Inga Michler/Aktive Bürgerschaft: Die Ich e. V.?

Wie die Deutschen sich engagieren: Der Hauptpreis des Förderpreises Aktive Bürgerschaft 2019 in der Kategorie Medien ist mit 5.000,00 Euro dotiert und geht an Dr. Inga Michler für den Beitrag „Ich e. V.“, erschienen am 15. Juli 2018 in der WELT AM SONNTAG, anschließend unter dem Titel „Der neue Egoismus der Mittelschicht“ auf WELT ONLINE.

Sehr geehrte Frau Dr. Michler, in Ihrem Beitrag gehen Sie auf sorgfältige und nachdenkliche Art und Weise der Frage nach, wie es um das bürgerschaftliche Engagement in Deutschland bestellt ist. Sie haben Orte besucht, in denen das Ausfransen bürgerschaftlichen Engagements, die Abwesenheit von Engagement, lauter, sogar donnernder daherkommt, als ihr gewohntes Fortbestehen. Ihr Beitrag öffnet Augen für die deutsche Ich e. V., die deutsche Ich AG: Wo bürgerschaftliches Engagement ein solidarisches Auffangen und Heben darstellt, fallen vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien ins Bodenlose. Wer will noch ihr Lesepate sein? Wer unternimmt Kulturausflüge mit ihnen? Die Antwort ist: Es sind immer weniger Menschen.

Zugleich aber geht Ihr Beitrag gut recherchierten und überlegten Erklärungsansätzen nach. Wem das generelle Gerechtigkeitsempfinden in einer Gesellschaft verloren gehe, verhärte und verschließe sich in der eigenen Position, sich am Eigenen festzuhalten. Ich investiere in meine Familie und mich, damit es uns nicht schlecht geht. Bei dem Auseinanderklaffen der Schere von Arm und Reich, sozialen Abstiegs- und Existenzängsten, einer daraus gewachsenen Verführbarkeit für populistische Angstpositionen und ein Frustgefühl dem eigenen Establishment und seinen Strukturen gegenüber laden wir allesamt zu einem Rückzug ins Private ein. Daraus erwächst eben auch eine Mahnung an uns alle, und an die Politik.

Sehr geehrte Frau Dr. Michler, die Jury hat sich entschieden, Ihnen diesen Preis zu verleihen, weil ihr Beitrag informativ und kenntnisreich ist, die rührende Begleitung von Initiativen und Ehrenamtlichen vor Ort enthält, Multiplikatoren der Engagement-Szene und versierte Soziologen zu Wort kommen lässt, schlüssige Erklärungsansätze hinter dem Phänomen des Ausfransens bürgerschaftlichen Engagements mitgibt, aber zugleich auch mutige und neue Formen des Engagements bespricht.

Ein Blick auf meine eigene Generation genügt: Sicher, wir werden immer seltener Gemeinderatsvorsteher, Ministranten im Gottesdienst, ehrenamtliche Sporttrainer oder soziale Kiezhelfer. Uns wird vorgeworfen, auf Twitter, YouTube und Instagram herumzublödeln, unsere Abende mit selbstdarstellerischen Pop Up-Events und dem Polieren eigener Karriereoptionen zu verbringen, und sich am Wochenende beim Freundesbrunch zwei, drei, vielleicht auch mehr Aperol Spritz reinzustellen. Vielleicht ist es aber auch anders: Vielleicht führen wir auf Twitter Debatten über Sexismus, Frauenförderung, toxische Männlichkeit. Vielleicht sehen wir uns auf YouTube „Die Zerstörung der CDU“ an, das einstündige Video des jungen YouTubers Rezo, das bisher rund fünf Millionen mal angesehen wurde und vor allem mit der verfehlten Klimapolitik aller Großparteien abrechnet. Vielleicht erklären wir uns auf Instagram mit all jenen solidarisch, die sich im US-Bundesstaat Alabama mit neuen verschärften Abtreibungsgesetzen konfrontiert sehen. Vielleicht ist uns auch wichtig, dass es auf unseren Pop Up-Events keinerlei Strohhalme aus Plastik gibt und dass zumindest ein Teilerlös des Abends in ehrenamtliche Projekte fließt. Und vielleicht verbringen wir eben doch auch Zeit auf Friday for Future-Protesten für den Umweltschutz oder Unteilbar-Demonstrationen für Toleranz und Diversität statt beim Brunchen. Vielleicht ist sogar Protestieren das neue Brunchen. Vielleicht nützen soziales Unternehmertum, nachhaltiger Konsum und tolerante Lebenseinstellungen, Bekenntnisse zu Feminismus und Pluralismus geradewegs der Eigenmarke Ich. Und vielleicht ist das auf verstörende Art und Weise auch etwas Gutes.

Ihr Beitrag wirft all dieses Fragen und Nachdenken auf. Demontiert der Staat mit der Duldung ungerechter Einkommensverhältnisse den sozialen Zusammenhalt? Sinkt das Solidargefühl im privilegierten Bürgertum und führt zum Rückzug ins Private? Verändert sich die gesellschaftliche Mentalität in etwas Staatsgläubiges, die Politik müsse sicherstellen, wozu einzig im defizitären Falle Freiwillige einspringen würden? Oder verschlafen Organisationen und Initiativen womöglich auch ganz neue Potenziale von nicht-klassischem, dafür aber kampagnenhaftem und digitalem jungem Engagement? Ihr Text öffnet die Augen für Zahlen, Zusammenhänge, Erkärungsansätze und neue Perspektiven. Er übernimmt dabei selbst die Aufgabe eines Engagements. Eines Engagements für bürgerschaftliches Engagement. Darum, liebe Frau Dr. Michler, einen herzlichen Glückwunsch zu diesem Preis.