KINNERT

Kommentar/KINNERT: Woher sonst soll das Vertrauen auch kommen?

Im gestrigen heute journal trug sich etwas Bemerkenswertes zu: Im Gespräch mit Marietta Slomka befahl und flehte Lindner zugleich, menschliche Maßstäbe walten zu lassen. Dass damit Kollege Kemmerich geschont werden sollte, der nach Lindner in einem plötzlichen und vorhergesehenen Anfall von Übermannung Ministerpräsident wurde: Gespielt. Wie immer schaut Lindner zuallererst auf Lindner. Und dieses Mal mit einem noch nicht da gewesenen Ernst und in einem noch nicht da gewesenen Poker.

Verständlicherweise. Denn längst lässt sich aus den Recherchen um Thüringen rekonstruieren, dass Lindner das perfide Machtspiel um die Geiselnahme der Freidemokraten vor und für die deutschen Rechtsextremen um Björn Höcke sehenden Auges gebilligt hat. Gewarnt war er seit Monaten, aus allen Ebenen der eigenen Partei, aber auch von den politischen Mitbewerbern der Mitte. Direkten Nachfragen weicht er seitdem aus, laviert, manche meinen an einigen Stellen klare Lügen ausgemacht zu haben.

So ist der Ruf nach menschlichen Maßstäben leicht zu erklären. Und eines muss man Lindner zugute halten: Er hat recht. Es braucht keine unmenschlichen bundesweiten Hasskampagnen gegen politisches Führungspersonal wie ihn selbst. Es bräuchte bloß das gesunde menschliche Eingeständnis, einen noch nie da gewesenen Zivilisationsbruch in der bundesdeutschen Geschichte verantwortet zu haben.

Nur eine Woche nach dem Gedenken an 75 Jahre Auschwitz-Befreiung, Steinmeiers großer Rede in Yad Vashem und dem Besuch von Israels Präsident Reuven Rivlin im Deutschen Bundestag lässt sich Lindners FDP von Höckes Schergen an die Macht wählen. Die Berichterstattung im Ausland seziert diese Wahl nicht nach Aufstellung, Wahl und Annahme. Sie sieht eine formvollendete Wahl, die einen historischen Kulturbruch und einen politisch unverzeihlichen Fehler darstellt. Mag er sich auch nicht so anfühlen: Von außen wird er so gesehen.

Thomas Kemmerich und Mike Mohring haben dieses Geschehen in nicht zu beschönigender Art und Weise zu verantworten. Christian Lindner hat gebilligt und relativiert, Annegret Kramp-Karrenbauer ist klar, aber ohne Autorität und Plan. Alle, die gehen mussten, sind für weniger gegangen. Eine einzige Komödie, sich denen in Vertrauensfragen zu stellen, deren Beteiligung wesentlich war für das feige und schamlose Schmierentheater von Erfurt.

Würden Parlamentsneuwahlen in Thüringen zu noch schlechteren Ergebnissen für die Bürgerlichen führen? Sicher. Aktuelle Umfragen zeigen an, dass die Union von 22 Prozent auf 12 Prozent herabsinkt, sich beinahe halbiert. Die Freidemokraten wären in einem neuen Parlament gar nicht mehr vertreten. Allein dies lässt die selbstsüchtige Gestaltungsgier der vornehm Konservativen in Thüringen wie Hohn erscheinen. Die Thüringer sind nicht einverstanden, nicht mit dem skrupellosen Machtmanöver, auch nicht mehr mit den bisherigen Mehrheitsverhältnissen. Nach einem derartigen Beben ist die politische Selbstvergewisserung existenziell für die Legitimität des Parlaments.

Das Fiasko in Thüringen ist selbstverschuldet. Ein Auf der politischen Gegner wäre nicht der Bevölkerung und leider auch nicht einer schier glänzenden Fraktion von Rechtsextremen zum Vorwurf zu machen. Der Vorwurf ginge allein an die Allianz von Union und FDP. Aktuelle Umfragen sehen nun eine Mehrheit für Rot-Grün-Rot, die es vorher nicht gegeben hat. Jetzt wäre die Zeit, sich ehrlich zu machen. Alle Stimmen sind an die Bevölkerung zurückzugeben. Woher sonst soll das Vertrauen in die Mitte auch kommen?