Vorabdruck im Tagesspiegel: Willkommen im Zeitalter der Einsamkeit

Auch ich blicke heute anders auf Bilder von Edward Hopper. Ich sehe die Nighthawks, die Nachtschwärmer, die inmitten der dunklen Stadt an der strahlenden Bar sitzen und dabei so seltsam voneinander entrückt sind, dass sie den aktuellen Begriff des „Social Distancing“ vorwegzunehmen scheinen. Man könnte diese Losung unseres Zeitalters heute in dicken Lettern über die Bar schreiben. Es würde das Werk zu einer bedrückend realistischen Momentaufnahme des Jahres 2020 machen.

Hoppers Interpretationen des Alleinseins tragen bis heute die größte Wucht in sich, wenn es um moderne Verlorenheit geht. Wohl auch deshalb wird er getwittert, gelikt und gefollowt, was das Zeug hält. Und das ist herrlich absurd. Denn in den Bildern blickt der Mensch auf seinen eigenen Makel.

Was genau sehen wir, wenn wir seine Protagonisten anschauen? Reflexionen von uns selbst? Von unseren eigenen Wünschen, Träumen, Sorgen, Versäumnissen? Oder sehen wir jemand anderen? Jemanden, den wir niemals verstehen und dem wir niemals nahekommen können? Ist beides am Ende womöglich das Gleiche? Dann hätten wir es, beängstigend allemal, mit einer gleich doppelten Verlorenheit zu tun: der gegenüber anderen und der gegenüber uns selbst. Es wäre eine neue Einsamkeit.

Corona schleuderte uns mit Macht jene Frage entgegen, die auch die Kunst eines Edward Hopper so vehement stellt: Was bleibt übrig, wenn die Bühnen der Ablenkung mit einem Schlag geschlossen werden?

Das vor allem geschah während der Pandemie: Ein sonst entertainmentübertünchter Zustand kam ans Tageslicht. Viele hatten es auf einmal mit der Einsamkeit zu tun oder sahen sich genötigt, mit diesem Zustand irgendwie klarzukommen. Das große Theater wurde kurzerhand dichtgemacht, und nun mussten alle nach Hause gehen. Verordnet wurde dabei auch die Zwangsbegegnung mit uns selbst, und dabei wurde eine chronische Seelenschieflage sichtbar.

Soziologen sprachen prompt vom größten Sozialexperiment aller Zeiten, aber eins konnten sie nicht erst seit Corona mit Gewissheit konstatieren: dass die Moderne ganze Heerscharen von Menschen in städtische Lebensstile versetzt hat, die mit der alten Geselligkeit nicht mehr viel zu tun haben.

Was ist geschehen? Die alten Strukturen der Begegnung scheinen verbraucht, fühlen sich in der Ekstase der neuen Zeiten irgendwie ausgeleiert an. Wenn wir im Park sitzen und nicht mehr wirklich im Park sind. Wenn wir einen Termin haben und schon an den nächsten denken. Wenn wir im Coffeeshop mehr Messages beantworten und öfter auf den Laptop starren, als wir Blickkontakt mit anderen Menschen haben.

Das Unverbindliche ist zur allgemeingültigen Umgangsformel geworden. Verabredungen gelten nur noch vage, das gemeinsame Abendessen ist zum Quotentermin degradiert. Derweil sind aus einstmals handfesten und oft notwendigen Tätigkeiten beiläufige, zerstreuungsträchtige und nach Belieben annullierbare Zeitvertreibe geworden. Der Gang in den Biomarkt, die Sitzung beim Osteopathen, der Shoppingbummel in der City. Jugendliche cornern in wolkenartigen Gebilden vor den Kiosken oder treffen sich virtuell bei Egoshooter-Spielen. Diese Treffen können nächtelang dauern. Man telefoniert dabei, isst dabei, chattet dabei.

Im selben Zuge, wie alte Begegnungsmuster verwischen und verschwinden, bieten die neuen jedoch noch längst keinen sicheren Halt. Das verbindende und soziale Versprechen des digitalen Zeitalters hat sich in vielen Fällen als Farce entpuppt. Fake News, Shitstorms, nicht endende Phishing-Mails und wuchernde Desinformationsblasen: Es sind nur einige Merkmale jener neuen Begegnungswelten, in denen das Gemeinwesen verkümmert, zu Zweifeln, Zwietracht, Lug, Trug und nicht selten Gewalt.

Mit Corona geschah nun beides auf einmal: Die noch halbwegs herkömmlichen Säulen des gesellschaftlichen Miteinanders kollabierten vollends, während wir die sozialen Unzulänglichkeiten der neuen Plattformen zu spüren bekamen. Nach dem 20. Zoom- Meeting wurden Zoom-Termine zur Last, die Computer oder Smartphones zu den Tools, die sie am Ende sind, und Netflix-Serien und Streamingangebote flimmerten zu einem einzigen Brei zusammen.

Wie wird unsere derzeitige Epoche einmal genannt werden? Ich lege mich fest: Dies ist das Zeitalter der Einsamkeit. Denn wenn wir uns einmal die Mühe machen, das so grundlegende wie unsichtbare Gefühl zeitgemäß zu begreifen, offenbart sich die Einsamkeit als radikalster, folgenschwerster und am meisten unterschätzter Gigatrend unserer Zeit. Grund, vergnügt in die Zukunft blicken, gibt uns das nicht. Geraten Vereinzelung und Isolation weiter zu gesellschaftlichen Richtwerten, werden sie den Menschen zugrunde richten und seine Reise aus dem blanken Naturzustand in einen sozialen Kulturzustand zunichtemachen. Denn der Mensch ohne seinen nächsten ist keiner. Von Anfang an war der Mensch soziales Wesen, gefangen im Verhältnis zueinander, auch gefangen in der Abhängigkeit voneinander. Keine zwei Nächte hätten die Urmenschen allein überlebt. Seither sind wir stärker als jede andere Art vom Kontakt mit anderen geprägt.

Das Zeitalter, das wir heute betreten, wird erstmals von völlig anderen Prämissen markiert. Nie wurden wir so vehement dazu aufgefordert, das Trennende als Optimum zu verinnerlichen, unsere Biografien derart abgespalten, isoliert und auf uns selbst bezogen zu entwerfen. Flüchtigkeit, Zerstreuung, Vereinzelung, Gefühlsvermeidung, Intimitätsscheu, Beziehungssabotage und Bindungsunfähigkeit sind die größten Treiber der modernen Zeit. Doch sie zerschießen und sprengen, worauf wir uns als Bevölkerungen, Teilgruppen und Familien jahrtausendelang verständigt haben. Soziologie und Medizin weisen es nach: Einsamkeit breitet sich aus wie eine Epidemie, unter jüngeren wie unter älteren Menschen. Betroffen sind mehr als 14 Millionen Menschen in Deutschland, mehr als 40 Millionen in Europa. Gut und gern 20 Millionen allein in Japan, weit über 30 Millionen in den USA. Und die Zahl der Betroffenen nimmt schnell und stetig zu.

Mit tradierten Lesarten hat die neue Einsamkeit in den meisten Fällen wenig zu tun. Sie trifft uns anders, verworrener. Das Corona-Jahr 2020 wird der neuen Einsamkeit noch einmal ganz andere Dimensionen verleihen. Studien, die noch ausstehen, werden Ergebnisse bringen, mit denen wir später nachvollziehen können, was gerade geschieht. Und doch ist Corona nur ein Nebenstrom, keineswegs das Hauptfahrwasser, in dem die neue Einsamkeit grassiert. Umso bewusster sollten wir uns der Konsequenzen sein, auf kurze wie auf lange Sicht.

Soziale Isolation ist eine ebenso starke Ursache für einen frühen Tod wie das Rauchen von 15 Zigaretten am Tag. Einsamkeit ist laut Untersuchungen doppelt so tödlich wie Fettleibigkeit. Aber auch andere Krankheiten treten häufiger und früher auf, wenn unsere Verbindungen zu anderen Menschen unterbrochen sind. Demenz, Bluthochdruck, Alkoholismus, Depressionen, Paranoia, Angstzustände.

Allein die Verschiebungen von Fabrikschloten zu intelligenten Techniken, vom Lichtspielhaus zu Tiktok erklären die Geschwindigkeit unseres sozialen Zusammenbruchs aber nicht. Die strukturellen Veränderungen wurden von Anfang an von einer Ideologie begleitet, die unsere soziale Isolation erzwingt – indem sie diese belohnt. Unsere Zeit ist geprägt von einem überbordenden ökonomisierten Individualismus, der von einer kapitalistisch getriebenen Konkurrenz befeuert wird – und gerechtfertigt durch den Mythos von scheinbar autonomen, in Wahrheit jedoch sich selbst verletzenden Figuren.

Die „Generation Selfmade“ bringt zum Ausdruck, wie egoman das alles vonstattengeht. Der Selfmade-Entrepreneur ist das Maß der Dinge, der Selfmade-Millionär der gottgleiche Heroe, der Selfmade-Influencer die aktuellste Version des angestrebten Erfolgsmenschen. Kaum ist heute noch ein Gespräch mit Jugendlichen möglich, ohne dass es um die immensen Followerzahlen von Internetstars geht, gepaart mit Überlegungen, wie die nächsten Zehntausend Follower eingesammelt werden könnten. Schon glänzen die Kinderaugen im Sog der digitalen Gefolgschaft. Im Zuge dessen ist das Kindsein in seinen Grundzügen pervertiert worden. Schon für die sozialsten Geschöpfe, die ohne Liebe nicht gedeihen können, ist die Idee von Gesellschaft durch das Dogma des Individualismus ersetzt worden.

Und auch ich mit meinen 30 Jahren kann es deutlich spüren, wenn ich meine Antennen anschalte. Ich sehe uns Menschen, die für die Sucht nach Gewinnen gerade am Wesen dessen kratzen, was uns ausmacht: unsere Verbundenheit untereinander. Wenn wir diesen Kreislauf jedoch durchbrechen und wieder zusammenkommen wollen, müssen wir uns dem System stellen, in das wir gezwungen wurden und werden.

Und wir müssen wissen: Hobbes’ vorsozialer Zustand war ein Mythos. Wir aber manövrieren uns gerade sehr real in einen postsozialen Zustand hinein, den unsere Vorfahren für unmöglich, für töricht und keineswegs lebensfördernd gehalten hätten. Stattdessen wird nunmehr ein Zustand wahr, in dem das Leben böse und einsam ist, brutal und lang. Auch dies war lange ein Mythos, basierend auf einem Verständnis der menschlichen Evolution, die auf das Buch der Genesis beschränkt war.

Dieser Mythos wird jetzt durch die Religion unserer Zeit auf recht durchtriebene Weise Wirklichkeit: ein Fest des extremen Individualismus und des universellen Wettbewerbs. Die daraus resultierende Einsamkeit? Sie ist unmenschlich. Sie ist tödlich.

Der Text stammt aus dem Buch „Die neue Einsamkeit: Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können“, das Diana Kinnert mit Marc Bielefeld geschrieben hat. Es erscheint am Dienstag, den 2. März (Hoffmann und Campe 2021, 22 Euro, S. 448).