Text/DIE ZEIT: Dossier 2068: Wie sieht die Welt in fünfzig Jahren aus?

Die Welt in fünfzig Jahren: Politiker von links bis rechts blicken in die Zukunft: Wie leben wir 2068, wenn man aus ihrer Sicht alles richtig entschiede? Und wie, wenn bis dahin alles falsch liefe? Im Gespräch mit Marc Brost und Britta Stuff aus dem Hauptstadtbüro der ZEIT: Alexander Graf Lambsdorff, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion, Beatrix von Storch, stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Armin Laschet, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen (CDU), Doris Schröder-Kopf, Beauftragte für Migration und Teilhabe des Landes Niedersachsen (SPD), Carsten Linnemann, Vorsitzender Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung von CDU und CSU, Sarah Wagenknecht, Vorsitzende der Bundestagsfraktion Die Linke, Thomas de Maizière, Bundesinnenminister a.D. (CDU), Markus Blume, CSU-Generalsekretär, Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, und ich.

Im Folgenden teile ich meine beiden geschilderten Szenarien.

Alles wird schlecht.

Deutschland ist überaltert, die Menschen werden älter als 100 Jahre, aber die allermeisten von ihnen sind von der Außenwelt isoliert und haben kaum Kontakt zu anderen. Es gibt keine sinnvolle Aufgabe für jene, die älter als 70 sind. Zärtlichkeit und Nähe sind selten geworden. Die Alten werden depressiv und krank vor Einsamkeit. Wer es kann, bringt sich um. Wer es nicht kann, vegetiert in großen, anonymen Heimen vor sich hin. Die Alten werden von Pflegerobotern mit dem Nötigsten versorgt. Diese Roboter sind allerdings so programmiert, dass sie autoritär mit ihren Patienten umgehen: Wer nicht spurt, bekommt kein Essen oder wird ans Bett gefesselt.

In den Großstädten leben die Menschen zusammengepfercht in grauen, gesichtslosen Massenunterkünften. Bäume oder Sträucher gibt es schon lange nicht mehr. Die Luft ist schlecht. Es stinkt. Die Kinder, die dort aufwachsen können nicht mehr richtig riechen. Die Menschen kennen keine Weite mehr. Weil es in den Straßenschluchten so eng ist und sie ständig auf Häuserwände starren, können sie auch keine Entfernungen mehr einschätzen.

Die Regierung verwaltet das Elend, aber sämtliche staatlichen Strukturen sind unwirksam geworden. Wer es sich leisten kann, kauft sich Personenschutz und private Feuerwehr ein. Die Europäische Union gibt es zwar noch, aber ihre Mitgliedsstaaten blockieren sich seit Jahrzehnten: Das einzige, was die EU noch zusammenhält, ist das moralische Credo, dass die Union nicht zerfallen dürfe. Doch ihren Sinn oder Zweck kann kein Politiker mehr benennen.

Alles wird gut.

Die klassischen Ministerien sind überflüssig geworden, an ihre Stelle sind neue getreten: Es gibt jetzt ein Technologieministerium, ein Nachhaltigkeitsministerium, ein Demografieministerium. Im Parlament wird über Glück, Emanzipation und Autarkie debattiert. Jedes neu verabschiedete Gesetz erhält eine bestimmte Gültigkeitsdauer, danach muss es überprüft und neu darüber abgestimmt werden. Auch die Ministerien selbst werden immer nur für eine Wahlperiode gebildet – danach wird abgestimmt: Braucht es einen neuen Zuschnitt? Wie könnten neue Ministerien aussehen?

Das Beamtentum in alter Form ist abgeschafft. Der Begriff Staatsdiener ist neu definiert und gegenwärtigen Herausforderungen angepasst worden: Beamte sind nun Computerspezialisten gegen Cyberterrorismus und die Seelsorger im Hospiz. Vor allem die sozialen Berufe erhalten dadurch eine überdurchschnittlich gute Bezahlung.

Die Menschen sind glücklicher, weil sie lernen, aktiv und selbstreflexiv mit Freiheit und Unabhängigkeit umzugehen. Sie wählen ihre Berufe nach Neugierde, sie wechseln sie auch immer wieder, fokussieren sich auf die Entwicklung ihrer Fertigkeiten und Tätigkeiten, nicht auf das Abspielen von Lexikonwissen, das sie einer Branche zuschreibt. Wenn ein Beruf verschwindet, fällt man nicht ins Bodenlose. Es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen. Viele Arbeitnehmer haben gar nicht mehr diesen einen Arbeitgeber. Sie arbeiten in verschiedener Funktion in unterschiedlichen Projekten für mehrere Arbeitgeber, manchmal analog, manchmal digital, dann oft auch für ausländische. Der Staat gewährleistet Bafög auf Lebenszeit. Fort- und Weiterbildung sind bei den schnellen Veränderungen in der Industrie nicht nur notwendig geworden, eine Kultur des lebenslangen Lernen erzieht auch zu gesunden und offenen Menschen. Vor allem die Konservativen bejahen dies als staatstragenden Wert. In sämtlichen Schuleinheiten und Vorlesungen sitzen Junge neben Alten. Die Jungen lernen mit Tod und Krankheit umzugehen, die Alten wettbewerben bei Hackathons. Entwicklungshilfepolitik läuft oftmals aus dem Hörsaal: Chefärzte und Professoren bilden per Skype Nachwuchs in Afghanistan und Uganda aus.

Demokratie hat sich weiterentwickelt. Es gibt ergänzende Organisationseinheiten, die mal sehr regional, mal weltumspannend sein können. Alte Deutsche, mittelalte Inder und junge Äthiopier zahlen in einen gemeinsamen Rentenfonds für die Altersvorsorge ein. Die Niederlande, Belgien, Dänemark und Schweden legen die Etats ihres sich etablierten Elternministeriums zusammen. London, Berlin und Tel Aviv teilen sich eine politische Sondereinheit, die Konzepte für Nachtleben und Clubkultur erarbeitet.

Die geschilderten Zukunftsszenarien erschienen am 27. Dezember 2018 in der Ausgabe 1/19 der ZEIT. Online abrufbar hier: http://www.zeit.de/2019/01/zukunftsszenarien-entwicklung-welt-politische-entscheidungen-richtig-falsch